Gruppenprozesse oder: die Kunst des Kutsche fahrens

modHeute möchte ich euch eine aktuelle Lieblingsthese vorstellen, die mich immer wieder amüsiert: Gruppen leiten ist wie Kutsche fahren. Wie ich drauf komme? Seit ich mit RIETHWERK unterwegs bin, machen sich immer wieder Gruppen mit meiner Hilfe auf den Weg, neue Visionen zu entwickeln oder konkrete Pläne zu schmieden. Brauche ich also statt systemischer Ausbildung nicht eher einen Kutscherführerschein?

Schauen wir mal genauer hin. Jedes Gespann hat ganz klassisch einen Kutscher oder eine Kutscherin. Die hat im besten Fall den Überblick, gibt die Richtung vor und sagt, wo es lang geht. Bei Workshops und Klausurberatungen bin ich das – aber natürlich nur temporär und laut meiner Rolle. Schwierig sind Gruppen, die zu mir kommen und denen die Kutscherposition fehlt – auch schon erlebt. Damit meine ich nicht neue Managementformen wie laterale Führung oder open space. Sondern Gruppen, die eigentlich hierarchisch aufgebaut sind, in denen jedoch die dann eben notwendigen Leitungsaufgaben nicht geklärt sind, sondern diffus oder aktionistisch betrieben werden. So wird das Kutsche fahren zur Schlitterpartie. Sollte man vermeiden. Denn je nachdem, wie gut die Kutscherperson ihre Pferdchen im Griff hat, laufen diese auch mehr oder weniger vergnügt geradeaus.

Sowieso die Pferdchen, die sind die Hauptattraktion jeder Gruppe. Dabei gibt es die unterschiedlichsten Typen im Gespann zu beobachten: Die einen ziehen eher nach links, die anderen nach rechts. Die einen traben fröhlich drauf los, die anderen lassen sich eher ziehen. Die einen wiehern erstmal, bevor sie was tun, die anderen rackern still vor sich hin. Die einen sind durch die Bewegung an sich zu motivieren, den anderen hilft eher die Aussicht auf ein gutes Futter am Abend, wenn alles geschafft ist. Im besten Fall ergänzen sie sich und sind je nach Temperament und Kompetenz sinnvoll zusammen gesetzt. Dabei kann das Verlassen von gewohnten Pfaden und Ställen durchaus mal helfen: In mehrtägigen Klausuren haben stille Gemüter die Gelegenheit, langsam aufzutauen. Gesellige Geister können ihre sozialen Kompetenzen ausleben. Strategen können detaillierte Pläne ausfeilen, für die die kreativen Köpfe die passenden Kommunikationswege basteln.

Spannend ist das Bild der Kutsche aber vor allem dann, wenn das Gefährt an Fahrt aufnimmt – und plötzlich ein Hindernis auftaucht, an dem die Gruppe nicht mehr weiter will. Dann scheuen die Beteiligten den logischen nächsten Schritt, vielleicht erschreckt durch ihre eigene Konsequenz, vielleicht durch das ungewohnte Tempo. Dann quietschen auch schon mal die Reifen und die Kutsche hält an. Was macht man da? Durchschnaufen, Gemüter kühlen. Und dann in ruhigem Tempo einen Umweg fahren. : )